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Wacken 2010

 

 

Moin!
Alles klar:

Wir schreiben den 28. Juli 2010. Die Medien berichten von vermehrten Sichtungen von schwer mit Bier, Zelten, CD-Playern, Schnaps und Dosenfutter beladenen Reisegruppen langhaariger, schwarz bekleideter Reisegruppen in Deutschlands Bahnhöfen. Bushaltestellen und Zuggleise verwandeln sich in Warm-Up Locations für seltsam gekleidete Menschen, Kinder erzählen unter Tränen vom Rücksitz aus ihren Eltern von bis unters Dach vollgepacken Autos, die mit laut dröhnenden Boxen und noch lauter gröhlenden Gestalten soeben mit nacktem Arsch an ihrem Fenster vorbeigedonnert sind. Je weiter man gen Norden schaut, desto häufiger spielen sich diese für normale Menschen verängstigende Szenen ab. Doch was in den nächsten fünf Tagen hoch im Norden, jenseits von Hamburg, tief im Flachland von Schleswig Holstein abspielen wird, ist eben nicht normal. Etwas braut sich zusammen: Das Wacken Open Air öffnet zum einundzwanzigsten mal seine Pforten, und in der gesamten Republik haben seine Jünger den Ruf gehört: Endlich wieder Wacken!

Für dieses Jahr haben die Organisatoren ein Billing zusammengesucht, dass in der Festival-Landschaft seinesgleichen sucht. Alleine die Headliner dieses Jahres sind exklusiver als der Garten von Eden: Mit Mötley Crüe, Alice Cooper, Iron Maiden und Slayer sind vier Pflichtacts für jeden traditionsbewussten Banger angeheuert worden. Für jeden Geschmack ist dieses Jahr etwas dabei. Für die Heavy Metal Fans war der Tisch dieses Jahr besonders reich gedeckt: Bands wie WASP, UDO, Lizzy Borden, Grave Digger oder Raven gaben sich die Ehre und sorgten für reichlich Stimmung. Für die Thrasher waren Leckerbissen wie Overkill und Rezet geholt worden, während Blackmetal-Fans Hochkaräter wie 1349, Immortal oder Solstafir huldigen durften. Die Deathmetal-Fraktion durfte sich über Gäste wie Cannibal Corpse, Dew-Cented oder Hackneyed freuen. Auch ein Paar etwas kuriosere Bands wie die israelischen Metaller Orphaned Land, die Coreler Job for a Cowboy, die methornschwingenden Lokalmatadore Torfrock oder die in jeder Hinsicht aussergewöhnlichen Red Hot Chilli Pipers (“Was? Die Chili Peppers spielen hier?!”) wurden ins Billing aufgenommen. Wie jedes Jahr wurde dem Nachwuchs beim Metal Battle eine Chance auf breites Publikum gegeben, Mambo Kurt und die Firefighters waren natürlich wieder von der Partie, Grave Digger und Corvus Corax haben Special Shows angekündigt, der Special Act sorgte für ordentlich Gesprächsstoff auf den Campgrounds, die Headliner sind vom Feinsten… Was steht da noch zwischen 75.000 zahlenden Gästen und einem epischem Wochenende, was kann da noch schief gehen?

Nicht viel, soviel steht fest. Besonders der Organisation des gesamten Spektakels muss ein großes Lob ausgesprochen werden: es gab keine größeren, von den Bands unverschuldete Pannen. Die Campground-Stewards wussten trotz der riesigen Ausmaße des Camping-Areals immer, wo es langgeht. Auch an den hektischen Anreisetagen wussten diese Leute immer bescheid und blieben dabei ruhig und zuvorkommend, selbst dem dusseligem Verfasser dieser Zeilen gegenüber, der seine Presse-Akkreditierung bei der Anreise noch nicht zur Hand hatte.
Für das leibliche Wohl war ausreichend gesorgt: Für einen nur ein bisschen unverschämten Preis konnte man auf dem weitläufigem Festivalground eine riesige Auswahl an kulinarischen Überraschungen erstehen. Aber wer für einen Liter Bier 7,50 zzgl. 3€ Pfand verlangt, gehört zwangsweise auf Bierentzug gesetzt. Abgesehen von diesem nur wegen dem kultigen Wackenhumpen verlockendem Angebot konnte man noch anderorts Bier zu attraktiveren Preisen erstehen, unter anderem im (meist hoffnungslos überfülltem) Dorfsupermarkt, an den strategisch geschickt platzierten Bierständen auf den Campgrounds oder im Getränkemarkt etwas weiter draussen im Dorf.
Wer bei diesem Billing Langeweile bekommt, die nicht mit Konsum der Biervorräte kompensiert werden kann, der konnte sich auf der sogenannten “Wacken Plaza” unterhalten lassen. Hier stand neben dem unter gewissen Gesichtspunkten ungünstig platzierten Ronnie James Dio Memorial Walk unter anderem ein Zirkuszelt, jede Menge Verkaufsstände, Die Wackinger-Stage und noch mehr Fressbuden. Hier konnte man sich mit allem möglichem Zinnober abseits der Musik berieseln lassen, unter anderem mit Wrestling, Strip-Shows oder Schaukämpfen. Ob diese Veranstaltungen, die auf dem Gelände des ehemaligen Campgrounds direkt vor dem Festivalgelände stattfanden wirklich nötig sind und noch was mit Heavy Metal zu tun haben, bleibt dem Geschmack des Einzelnen überlassen.

Die Anreise ist überstanden, die Zelte stehen, die Willkommenshülse ist geknackt und die Stimmung steigt langsam auf Festivalpegel, wo sie mit wenigen Schwankungen auch die nächsten paar Tage bliebt – wird Zeit, sich mit Dosenbier, Ausweis und dem Akkreditierungswisch zu bewaffnen und sein Pressebändchen abzuholen. Unter dem schreibendem Volk wird jedoch bereits gemunkelt, dass es ein verdammt weiter und verworrener Weg zum Pressestand sei. Ungeachtet der Warnungen machten wir uns auf den Weg. Vom Eingang des Campgrounds bis zu den Pforten des Standes waren wir eine sengend heisse, lange, bierlose Stunde unterwegs. Durch die Wackener Wohngebiete abseits der Besucherströme der Hauptstraße führte unser Weg, dank völlig undurchsichtiger und teils schlicht falscher Beschilderung. Am Ziel angekommen musste noch mal eine gute halbe Stunde angestanden werden, hier lief allerdings alles schön durchorganisiert und reibungslos.

Nach dieser Odyssey wurde es nun endlich Zeit für den schönen Teil des Festivals. Über den Rest des Anreisetages und den darauf folgenden Morgen legen wir (wohl nicht ganz freiwillig) den Mantel des Vergessens und machen einen Sprung direkt zu…

ALICE COOPER
Vorne weg: Alter Lachs, der Mann kann ja noch richtig was. Einwandfreier Gig und eine tolle Bühnenshow, die geilerweise nicht im Geringstem die Musik selber zu kurz hat kommen lassen.
Der von den Leuten um mich herum liebevoll nur “alte Mann” genannte Cooper trat sofort mit “Schools out” und “No more Mr. Nice Guy” das Gaspedal durchs Bodenblech und brachte die versammelte Fanmeute zum kochen. Trotz seinem respektablem Alter feuert der Altmeister der Bühne einen Knaller nach dem nächsten ins Publikum. Die abwechslungsreiche Setlist und eine der besten Bühnenshows sorgten für fliegende Haare, gen Himmel gereckte Fäuste und crowdsurfende Kuttenträger. Spätestens bei “Poison” steht auch die letzte Reihe steil. Schade ist nur, dass die opulente Bühnenshow und das einnehmende Auftreten von Alice Cooper die überaus grandiose Band teils in den Schatten stellt, diese Leute hatten nämlich ordentlich Feuer unterm Hintern und Spielfreude pur! Mit Alice Cooper haben die Organisatoren ein Händchen für Stimmungsgranaten bewiesen – und nicht nur mit ihm, Cooper ist natürlich immer eine sichere Wette. Auf einer der beiden großen Bühnen wurde mit dem ersten Headliner schon mal ein gelungener Auftakt gefeiert, obwohl es auch anderorts hoch und laut her ging. Zum Beispiel nebenan bei…

TORFROCK
…, die sich mal eben ins Nachbardorf geschwungen haben und neben ihren Instrumenten jede Menge Met, Spielfreude und Wikingerspirit mitgebracht haben. Die Lokalmatadore aus Haithabu stürmten noch während der Spielzeit von Alice Cooper die Wackinger-Stage. Deswegen konnte man auf einigermaßen entspannte Publikumsdichte hoffen – leider vergeblich. Es waren wohl etwa doppelt so viele Leute da wie angenehm gewesen wäre und dementsprechend war der Platz hoffnungslos überfüllt. Dem Gig an sich tat das keinen Abbruch, sowohl vor als auch auf der Bühne hatten alle Beteiligten sichtlich Spass. So nah am Publikum wie kaum eine andere Band wurden Klassiker wie “Rollo der Wikinger”, “Willi die Ratte” und “Beinhart” vom Publikum teils lauter als die Band selber gegröhlt. Torfrock sind Live grundsätzlich spassig, da kann man auch mal über die Rekorddichte an Crowdsurfern und das Sardinenbüchstenfeeling hinwegsehen.

Ein Spaziergang über das Festivalgelände bringt auf dem Wacken Open Air immer wieder unterhaltsame, interessante und teils verstörende Begegnungen mit sich. Hier läuft ein ziemlich genauer Querschnitt durch die internationale Metalszene herum, von Otto Normalbänger in Kutte, Lederhose und langen Haaren, über die (leider von Jahr zu Jahr mehr werdenden) Wacken-Touristen, über teils schwer nachvollziehbar kostümierte Metalheads bis zum deutschen Metal-Urgestein mit schneeweißen Bärten und antik aussehenden Kutten finden sich hier allerlei Persönlichkeiten und tolle Möglichkeiten, mit Metalfans aus aller Welt ins Gespräch (und ans trinken) zu kommen.

Über die zu jeder Tageszeit rumliegenden Schnapsleichen stolpernd kommen wir zum Partyzelt, dem Geheimtipp jedes Wacken-Veteranen. Viele der besten Wacken-Gigs im kollektiven Gedächtnis wurden hier gezockt, und auch dieses Jahr wurde diese seit den Anfangstagen existierende Location mehrmals bis auf ihre Grundmauern niedergerissen. Beispielsweise von…

LIZZY BORDEN
Zweitweise muss man sich wirklich fragen, ob es nicht wirklich besser für eine Band ist, wenn man sie im Zelt spielen lässt. Lizzy Borden nutzen ihren Locationvorteil gekonnt aus; die Kombination von Hitze. Bier, dröhnenden Amps und gefühlten 15 Leuten pro Quadratmeter heizten die Stimmung im Zelt ruckzuck bis zum Siedepunkt auf. Begleitet von Blutverschmierten Stripperinnen wurden Granaten wie “American Metal” oder “Red Rum” runtergezockt, ohne Zeit zu verlieren – eine Halbe Stunde Spielzeit war da wirklich zu wenig Zeit.

Die Überfüllung gehört im Zelt natürlich zum Flair; 200 Meter vor den Hauptbühnen ist so eine Situation natürlich weit weniger schön. Bei Alice Cooper hielt sich das Gedränge noch in normalen Grenzen, obwohl auch hier ein Vordringen in die vorderen Reihen fast unmöglich war. Bei einem Kaliber wie…

IRON MAIDEN
…sieht die Sache natürlich etwas anders aus. Da schlicht JEDER die großen Maiden sehen wollte war die Publikumssituation absehbar. Was der Gig selber bringen würde stand im Vorfeld offen, und bei keinem Auftritt auf dem diesjährigen Wacken waren sich die Fans vorher und im Nachhinein so uneinig über die Qualität wie bei Iron Maiden. Man hörte rumgemosere über die angeblich recht magere Setlist, dass viele Klassiker fehlten und zu viel neues Material gespielt wurde. Der Soundmann sollte zwischendurch gelyncht werden, weil nach längeren Pausen Bruce’s Mikro zu lange gemuted war und deshalb seine Worte ab und an ungehört verklangen. Andererseits haben sich die Mega-Headliner und Publikumsmagneten dieses mal mit ihrer Bühnenshow selber übertroffen. Die Lightshow und an das neue Album “The Final Frontier” angelehnte Kulissen werteten den Gig optisch auf und boten neben dem ansonsten einwandfreien Sound noch was für’s Auge. Die bereits angesprochene Setlist bot einige obligatorische Klassiker, mehr Material von der “A Matter Of Life And Death” als den meisten Fans lieb war und selbstverständlich ein Vorgeschmack auf das neu erschienene Album “The Final Frontier”, der auch wohlwollend abgerockt wurde. Wie 2008 war es natürlich wieder viel zu voll, sodass der Schreiber dieser Zeilen zusammen mit allen Spätaufstehern in Reihe 1b – dem wegen Überfüllung geschlossen Security-Checkpoint – Maiden abfeierte. Hier muss man dem Publikum des Wacken ein großes Lob aussprechen, denn trotz den gefühlten zwei Kilometern bis zur Bühne wurden auch so weit hinten Gassenhauer wie Paschendale, The Wickerman und Brave New World gnadenlos abgefeiert.

Der Weg zurück über die Campgrounds gestaltet sich auf keine Festival so unterhaltsam wie auf den heiligen Wiesen. Überall sind noch bis spät in die Nacht die mitgebrachten CD-Spieler, komplette Anlagen und ganze Boxentürme bis zum Anschlag aufgedreht und so ergibt sich nicht nur ein mal ein spontanes Gelage mit vorher völlig unbekannten Leuten. Teils völlig szenefremde Musik wird auch gespielt – das ist so lange ganz amüsant, bis besonders nerviger Schund auf voller Lautstärke und bis in die Morgenstunden gespielt wird und alle in der Umgebung Zeltenden langsam aber sicher Schaum vor dem Mund haben. Solche Spezis campten direkt neben uns, aber was mit freundlichen Worten nicht geklärt werden konnte, nahmen glücklicherweise zumindest während der “Nachtruhe” die Stewards in die Hand. Von diesen Leuten scheint es jedes Wacken mehr zu geben, was von den wenigsten begrüßt wird. Obwohl das nicht der Orga angerechnet werden kann ist das einer der dicksten Minuspunkte für das Festival.

Nach der verdienten, aber zu kurzen Nachtruhe zogen am nächsten Tag dunkle Wolken am Himmel auf. Erstes Donnergrollen war zu hören. Nicht mehr lange, dann würden Slayer die Bühne stürmen und anderthalb Stunden beinhartes Thrash-Trommelfeuer auf die versammelten Pilger loslassen.
Doch zunächst durften…

ANVIL
…unter Beweis stellen, dass die ihnen geschenkte Aufmerksamkeit seit dem Erscheinen der Banddoku “Anvil – The Story of Anvil” gerechtfertigt ist. Und bei Lemmy, dass ist sie. Beeindruckende gesangliche Leistung und pure Spielfreude zählen als Selbstverständlichkeit. Nur schade, dass man die Jungs um Steve „Lips“ Kudlow nicht einen besseren Slot zugeteilt hat. Slayer nahm der Band vielleicht die Möglichkeit, neues Publikum zu überzeugen, da diese alle auf dem Weg zu den Thrash-Titanen waren; andererseits machte dieser Umstand den Gig für die alteingesessenen Fans umso geniessbarer, da genau aus diesem Grund nur textsichere Fans im Publikum waren. Hier gibt es keine zwei Meinungen: Anvil haben einfach nur gerockt und sind nach wie vor nicht so bekannt, wie sie eigentlich sein sollten.

Jetzt war es aber langsam Zeit für die Portion in-die-Fresse-Metal, und wer wäre da besser geeignet als…

SLAYER
Das Sounddesaster von 2003 hat sich zum Glück nicht wiederholt, dieses mal war am Sound absolut nichts zu meckern. Auch ihren Ruf als mittlerweile eher mittelmäßige Live-Band haben Slayer zu Unrecht weg – von Anfang an bildete sich ein ansehlicher Pit und bis ganz nach hinten wurden noch die Köpfe geschüttelt. Die erhoffte Berserkerwut im Publikum blieb zwar aus, aber gerade Granaten wie Dead Skin Mask, Hell Awaits oder War Ensemble schlugen mit ordentlicher Wucht in den Fans, die sich ganz vorne die Köpfe einschlugen, ein. Unter den etwas treueren, älteren oder einfach nur kräftiger gebauten Fans breitete sich eine gewisse Belustigung aus, als sofort nach dem Opener “World Painted Blood” die schmaler und kleiner gebauten Fans sich in Scharen ramponiert und humpelnd aus den vorderen Reihen zurückzogen. Auch hier gibts wieder nichts zu meckern, der Gig war einwandfrei. Das fand auch Overkill’s Bobby Blitz, der nach dem Gig grinsend und sichtlich gut gelaunt durch die hinteren Reihen Richtung VIP-Bereich schlenderte.

Wer sich nach solch einem Fest erst einmal stärken möchte, dem stand die von Jahr zu Jahr größer werdende Fressmeile offen. Wie im Publikum gings auch hier sehr international zu: Von Pizza über gebratene Nudeln bis hin zum klassischem Döner mit allem gabs hier eine ordentliche Auswahl für jeden Geschmack. Gerichte aus aller Welt, deren Namen sich kein Schwein merken kann, und das kühle Gezapfte gabs gleich nebenan dazu. Lage Wartezeiten oder gar Schlangen vor den Fressbuden gehörten zu den Ausnahmen. Wie erwartet musste man aber leider ordentlich Geld mitbringen, um satt zu werden. Nach einem kleinen Plausch mit dem Besitzer eines Standes stellte sich heraus, dass anscheinend die Standgebühren für das Wacken exorbitant hoch sein und die Preise dementsprechend angezogen werden müssen – wer also an den Preisen was zu meckern hat, sollte mit der Orga sprechen und nicht mit den Ladenbesitzern verhandeln. Bierseeliges feilschen gehört wohl für die Festivalköche zum Geschäft, aber mein Gesprächspartner mit der Schürze erzählte das alles mit einem Lächeln, denn auch hier ging es stehts angenehm familiär zu.
Weiter gehts mit….

GRAVE DIGGER
… die eine schier unglaubliche Show hingelegt haben. Als Jubiläums-Show absolut gelungen, konnte man sich über viele Songs freuen, die bisher selten oder nie live zu bewundern waren: Absolute Nackenbrecher wie Killing Time, Rebellion, William Wallace und noch einige mehr. Noch Stunden nach dem Konzert hörte man an allen Ecken heisere Sprechchöre, die inbrünstig den Refrain von “Rebellion” in die Nacht hinausgröhlten. Magisch wurde es dann bei der Ballad of Mary, im Duett mit Doro. Im Namen des gesamten männlichen Publikums, das an diesem Abend in charmanter Begleitung unterwegs war, bedanke ich mich für diese grandiosen, Gänsehaut treibenden Momente. Ohne Frage ein ganz großer Moment in der Bandhistorie und ein ganz besonderes Highlight des Festivals. Der Fokus der Setlist lag, wie angekündigt, auf dem „Tunes of War“-Album und zusätzlich wurden nur die nötigsten Songs gespielt. Der 2009 neu hinzugestoßene Gitarrist Axel Ritt hat auch vor großem Publikum überzeugt und in vielen Songs schön groovige, rockige Akzente gesetzt. Der Hintergrund-Chor, den Van Canto bei einigen Songs stellten, war zwar teils etwas unpassend und fehl am Platz, klang aber bei einigen Liedern echt gut. Unterm Strich einer der besten Gigs des Festivals!

EDGUY
…wiederum haben schon bessere Tage gesehen. Die grundsätzlich sichtbare Spielfreude, die Sammet und seine Männer an den Tag zu legen pflegen war zwar vorhanden, aber dennoch haftete dem ganzen eine gewisse Routine an. Richtige Bombenstimmung, wie man es von kleinen Clubshows der Truppe gewöhnt ist, wollte nicht richtig aufkommen. Zum Unmut der Fans der ersten Stunden (und zur Freude des auffallend großem jungen Teil des Publikums) kam das ältere Songmaterial viel zu kurz – was das Publikum als ganzes nicht daran hinderte, “King of Fools” lautstark abzufeiern. Highlights setzten mal wieder Tobias verquerte Ansagen (“Unser Bassist hat seinen Pimmel nicht im Griff”).

W.A.S.P.
…legten genau wie Edguy den Schwerpunkt ihrer Setlist auf neueres Songmaterial. Wenn dieser Umstand das Publikum störte, hat sich niemand was anmerken lassen, denn die Stimmung war von Anfang an auf dem Siedepunkt. Blackie peitschte aber auch ohne unnötig lange Pausen einen Kracher nach dem anderen in die Menge, und ohne Verschnaufpausen hatte keiner so wirklich Zeit, den Adrenalinpegel nach Krachern wie “The Idol”, dicht gejagt von “Chainsaw Charlie” wieder runterzufahen. Sound und Technik liefen wie geschmiert, Lawless war gut bei Stimme und die ganze Posse sichtlich gut gelaunt. So muss ein W.A.S.P-Gig aussehen, so und nicht anders. Tagessieger!

Nach diesem Riffdauerfeuer schlendern wir zum runterkommen erst einmal über den Metalmarkt. Hier bekommt man alles, was der Merchandise-verwöhnte Banger so alles braucht. Ein Dutzend Stände mit Bandshirts und Pullis, Halbe Boutiquen, Ramschläden mit Zippos aus Bangladesh und ubertrven Pentagrammkettchen aus Zinn, Quadratmeter über Quadratmeter Holzplanken mit draufgenagelten Patches und gleich kiloweise Aufnäher auf Wühltischen, LARP-Zubehör, Methörner samt Inhalt – das Angebot ist überwältigend. Wer aber Zeug sucht, dass man nicht sowieso an jeder Ecke im Internet bestellen kann, der geht in das Zelt, in dem der Metalmarket beheimatet ist. Gegen einen kleinen Obulus kann man hier in ein Zelt, wo man noch mehr Geld ausgeben kann. Wem das paradox vorkommt, der ist auf der richtigen Spur. Allerdings sollte man auch mal einen Blick hinein riskieren, denn hier finden sich teils noch richtige Schätze. Ausgewählte Händler bieten hier wie draussen allerlei Waren an, nur eine Qualitätsstufe höher. Die angebotenen Shirts und Pullis sind seltener und die draufstehenden Bands kleiner, der Schmuck hochwertig und geschmackvoll und die Methörner aus echtem Horn.
Alleine das Angebot an CD’s und LP’s reicht aus, um stundenlang in Raritäten zu stöbern und vielleicht diese eine, unmöglich aufzufindende Erstpressung der ersten LP der Lieblingsband zu finden.

So, nach so viel Kommerz wenden wir uns wieder der Hauptbühne zu, wo gerade eine ganz besondere Combo aus den Rinnsteinen New Jerseys Anlauf nimmt, um Wacken in Schutt und Asche zu legen…

OVERKILL
Dass die Running Order dieses Jahr mit krassen Miskalkulationen und anderen Frechheiten gespickt war ist bereits erwähnt worden, aber wer eine Band wie Overkill am frühen Nachmittag auflaufen lässt und ihnen dann gerade mal Zeit für 13 Songs gibt, gehört verhauen. Das die Mannen um Frontsau Bobby Blitz trotzdem vergleichsweise viele Songs in die Menge feuern konnten liegt wohl an den knackig kurzen, aber immer wieder kultigen Ansagen seitens Blitz. Dieser steht, nachdem “The Green and Black” als Opener vom aktuellem Album wie eine Bombe eingeschlagen ist, wie der letzte Überlebende in der Bresche und knallt sofort “Rotten to the Core” hinterher. Das Publikum ganz vorne benötigt zu diesem Zeitpunkt schon garkeinen Ansporn mehr, hier unterscheiden sich die Songs von den Verschnaufpausen nur anhand der Geschwindigkeit des Moshpits, dessen Wildheit während pfeilschnellen Granaten wie “Bring me the Night” und “Ironbound” selbst Tom Araya beschämt murmelnd zurück auf die Bierbank verwiesen hätte. Das neue Material kam also bestens an, selbstverständlich wurden da auch die obligatorischen Klassiker wie “Coma”, “Elimination” oder “In Union we Stand” vor und auf der Bühne gebührend gefeiert. Die Protagonisten rannten wie Derwische von rechts nach links, schmissen in wilder Spielwut den ganzen Körper samt Instrumenten vor und zurück und feuerten eine Salve beinharten Thrash nach der nächsten in die Menge. Und in der Mitte steht Bobby “Blitz” Ellsworth wie eine Backsteinwand mit Tollwut und keift den Fans Gemeinheiten made in the Gutter in die blutenden Ohren.
Und wer denkt, das sei dick aufgetragen, des besorgt sich sofort ein Ticket für die nächste Overkill-Show in seiner Nähe und überzeugt sich vom Gegenteil! DER Gig des Festivals!

Alles hat mal ein Ende, leider auch das Wacken 2010. Und wie jedes Jahr verneige ich mich wieder vor der Orga, die es irgendwie schafft, die Abreise dermaßen Reibungslos ablaufen zu lassen. Das ist besonders eindrucksvoll, wenn man sich vor Augen führt, dass die Anreisezeit drei Tage lang ist, auch wenn ein Großteil am letzten Anreisetag aufschlägt – am Sonntag Morgen wollen aber ALLE weg.
Die Zelte werden langsam abgebaut, die, die es ganz eilig haben fahren schon in der Nacht los, und überall werden die letzten Fleisch- und Bierreserven vernichtet. Allerorts wird nochmal zum Abschluss richtig auf die Kacke gehauen, und nicht nur auf den Campgrounds! Auf der Bühne steht noch ein einsamer Teutone und brennt zum letzten mal dieses Wochenende ein Heavy Metal-Feuerwerk ab, das seines Gleichen sucht.

U.D.O
…haut zum Schluss des Festivals nochmal richtig einen raus und zieht trotz der lächerlich fiesen Spielzeit (1:30 – 3:00 morgens!) noch jeden, der nach den letzten Tagen noch ein bisschen Lebensgeist in sich hat, vor die Bühne. Und es muss noch viel davon übrig gewesen sein, denn die Sprechchöre vom aktuellen “Dominator”, “Princess of the Dawn” und dem Evergreen “Balls to the Wall” waren – ungelogen – bis zum Campground R zu hören. Wer so spät in der Nacht am dritten Festivaltag noch eine so große Menge bei Nieselregen zu so einer Extase aufpeitschen kann, der hätte in einer Headlinerposition wahrscheinlich die Soundtürme auf dem Gewissen gehabt. Seit ich das Wacken besuche habe ich noch keine so gelungene Abschiedsshow gesehen!

Nachdem der letzte knarzende Akkord verklungen ist wird dann auch langsam allen klar: Das wars leider, Wacken ist vorbei. Auf den Autobahnrastplätzen werden die Autos mit zerknittert aussehenden Gleichgesinnten immer weniger, bis man irgendwann ganz alleine auf der Autobahn dahinfährt und sehnsüchtig an vollgeschissene Dixies, Dosenbier und Ampwände zurückdenkt. Die Gedanken schweifen langsam in Richtung heimische Dusche ab und eventuell auch in Richtung der besseren Hälfte, die zu Hause auf einen wartet…. Wenn sie nicht sowieso hinten im Auto sitzt und ebenso infernalisch müffelt wie die eigene verwesende Haut. Es sind Momente wie dieser, in denen man sich erinnern sollte, dass das nächste Wacken nicht so lange weg ist, wie es sich vielleicht anfühlen mag und die Organisatoren schon jetzt das Billing für nächstes Jahr schmieden, um uns 2011 ein genau so erinnerungswürdiges Wacken wie dieses und die in den Jahren davor zu schenken.

In diesem Sinne!
Vielen Dank für Speis und Trank,
Auch für das Dosenbier sei gedankt,
Wir sehen uns 2011 wenn du willst,
Wenn bis dahin der Kater weg ist!

See you next year, rain or shine!

Leib und Leber auf der geilsten Kuhwiese der Welt riskierte für Euch:
Ollie

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