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Philipp Poisel „Bis nach Toulouse“

Autor: Jan Willem

Schon längst ist Philipp Poisel nicht mehr bloß ein Geheimtipp unter Liebhabern deutscher Singer/Songwriter-Musik. Sein Erstlingswerk „Wo fängt dein Himmel an?“ hielt sich bereits vor zwei Jahren längere Zeit in den Top-40 auf und machte seine Musik einem großen Publikum zugänglich. Nach einer ausgiebigen Tournee quer durch Deutschland erscheint am 27. 08. das von vielen ersehnte zweite Album „Bis nach Toulouse“.

Wie man es bereits von Poisels Debüt kennt, stehen auch auf „Bis nach Toulouse“ die unter sanfter Gitarrenbegleitung etwas nuschelig vorgetragenen Texte über Liebe, Freiheit und Reisen im Vordergrund. Der Sound ist wieder angenehm erdig und klar. Ohne ihre wichtige Schlichtheit einzubüßen, haben die Songs jedoch insgesamt an Komplexität dazugewonnen. So bekommt man beispielsweise in „Zünde alle Feuer“ statt der sonst vorherrschenden akustischen Gitarre ein ausgedehntes Arrangement mit cleanen bis leicht angezerrten E-Gitarren-Sounds zu hören. Das ostinatohafte „Für keine Kohle dieser Welt“ steigert sich nach einem ruhigen Anfang zu einem bewusst überladenem Schluss, in dem sogar mit Echo-Effekten und Kopfstimme experimentiert wird. Erfrischend an diesem Lied ist die textliche Abhebung vom Thema (unerfüllter) Liebe, das die meisten Lieder durchsetzt. In „Wie soll ein Mensch das ertragen“, „Liebe meines Lebens“ und „Ich will nur“ besingt Poisel nämlich in gewohnt schönen bis meditativen Klängen seinen Herzschmerz. Dies ist sehr persönlich und keinesfalls platt, jedoch nicht jedermanns Sache zu jeder Zeit. Gleichermaßen musikalisch eingängig und unaufgeregt sind die Lieder „All die Jahre“, „Hab keine Angst“ und der Titelsong „Bis nach Toulouse“. Besonders in „Zwischen innen und außen“ klingt darüber hinaus eine innere Zerrissenheit Poisels an, die thematisch gar nicht mal so weit weg von romantischer E-Musik aus dem 19. Jahrhundert ist. Sogar noch weiter in der Vergangenheit liegen die Assoziationen, die das beinahe mittelalterliche „Markt und Fluss“ auslöst. Nicht nur textlich, sondern auch musikalisch stechen ansonsten die auffallend heiteren Lieder „Im Garten von Gettys“ und „Froh dabei zu sein“ hervor. Vor allem Letzteres ist allerdings ein hervorragendes Beispiel für den Hauptkritikpunkt am ganzen Album: Man versteht den Text einfach nicht, weil Philipp Poisel die Zähne nicht auseinander kriegt. Muss man etwa so singen, nur weil Herbert Grönemeyer das Label gegründet hat? So löblich es auch ist, dass sich der Sänger für seine Zuhörer nicht verstellen will – das Nuscheln geht hier zu weit und hat auch nichts mehr mit Gefühl zu tun. Fans mögen ihm dies zwar verzeihen oder sogar an ihm schätzen, doch neue Hörer könnten verschreckt werden. Trotzdem bleibt „Bis nach Toulouse“ ein würdiges und reifes Nachfolger-Album, das einen einlädt, es in sein Herz zu schließen.

Tracklisting:
01. Wie soll ein Mensch das ertragen
02. Für keine Kohle dieser Welt
03. Im Garten von Gettys
04. Froh dabei zu sein
05. Bis nach Toulouse
06. Zünde alle Feuer
07. All die Jahre
08. Markt und Fluss
09. Zwischen innen und außen
10. Liebe meines Lebens
11. Hab keine Angst
12. Ich will nur (live)

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