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Hurensohn ist nicht gleich Hurensohn

Unser aktueller Held der Stunde: Marc Fleischmann.

Danke. Ich danke Ihnen, Herr Fleischmann. Niemand hat den problematischen Generationenunterschied in den letzten Jahren schöner veranschaulichen können, als Sie in Ihrem aktuellen Artikel im Berliner Kurier Britischer Botschafter wünscht sich Drogen-Song.
Es geht schlicht um die fatale Fehlinterpretation zu Alligatoahs Songtext Willst du. Der britische Botschafter Sir Simon McDonald wünschte sich während einer radioeins-Live-Show den besagten Song. Anschließend schoss die Moderatorin in Richtung des Botschafters, was er sich dabei dachte und ob er denn den Text nicht verstünde – immerhin würden in dem Song Drogen verherrlicht.

Dummerweiße war es aber die eifrige Moderatorin, die inhaltlich nicht ganz auf der Höhe war. Denn jedem aufmerksamen Hörer mit einem IQ über der Zimmertemperatur fällt bereits nach den ersten Zeilen auf, dass der Text nicht nur vom Sarkasmus gezeugt, sondern auch von diesem ausgetragen und großgezogen wurde – und sich die Aussage des Textes hierbei ganz klar GEGEN Drogen wendet.
Dies sei der ansonsten souveränen Moderatorin aber verziehen, immerhin handelte es sich hierbei wohl nicht um ihre Musikrichtung, was natürlich eine schnelle Auffassungsgabe deutscher Raptexte enorm erschwert.

(ACHTUNG! Unter dem Video geht es weiter.)

Hier das Video zum Song :

Viel schlimmer ist allerdings der Fehltritt, den nun der Berliner Kurier begangen hat. Dieser musste nämlich unbedingt einen Artikel über diese Szene veröffentlichen. Das traurige hierbei: Im Gegensatz zur Moderatorin, die live gesendet hat, hatte der gute Herr Fleischmann wesentlich mehr Zeit, einer ordentlichen Recherche nachzugehen und sich den Songtext einmal genauer anzusehen.

…Denkste!

Ein Profi muss doch nicht recherchieren! Und so knüpfte der gute Fleischi fleißig an die Leistung der Moderatorin an und lies sich ordentlich über dieses Unding von Songtext aus:

Im Song geht es um den Konsum von Drogen, der sogar verherrlicht wird. Ein Auszug aus den Textzeilen: Willst du mit mir Drogen nehmen? Dann wird es rote Rosen regnen.

Hätte mein neuer Lieblings-Autor auch nur eine Zeile weiter gelauscht, hätte er den Satz ich hab’s in einer Soap gesehen vernommen, der den puren Sarkasmus im Song verdeutlicht und wohl das Bild gerade gerückt hätte.
Aber wozu fair recherchieren, wenn man diesen bösen jugendlichen Hippeli-Hopp-Stil doch so einfach durch den Dreck ziehen kann. Unser Hobby-Journalist geht sogar noch weiter und zählt andere unverantwortliche Titel Alligatoahs auf: Hitler töten und Fick ihn doch. Welch unmögliche Wortwahl. Die Songs können ja quasi nur von pädophilen messerstechenden Terroristen handeln! Pfui!
Dass die Songs sehr wohl klug durchdacht sind und tiefgründige Aussagen haben, können wir getrost ignorieren, schließlich kommen Wörter wie Hitler und Fick in den Titeln vor!
Ganz großes Kino, Herr Fleischmann. Ich kann mich nur noch einmal für diesen grandiosen Fehlschuss bedanken.
Denn während dieser als Skandal-betitelte Artikel für die meisten Leser in der Tat ein Skandal bleibt – allerdings auf Kosten Fleischmanns – sehe ich hier wesentlich mehr als nur ein peinliches Eigentor vom gegnerischen Strafraum aus: Ich sehe hier exzellent ein riesen Problem der heutigen Zeit niedergeschrieben:

Hurensohn ist nicht gleich Hurensohn

Die ältere Generation (nicht unbedingt physisch, eher geistig) hört einen Begriff / Ausdruck der ihnen nicht passt und stempelt sofort ab; den Film, den Song oder gar die Person. In diesem Fall war es der Bezug zu dem Wort Drogen. Der Zusammenhang spielt hierbei überhaupt keine Rolle – es ist völlig ausreichend, dass es in irgendeiner Art um Drogen geht – also ab in die Schublade damit!
Ja, früher war alles anders und die Nachkriegszeit war sicher nicht schön. Dennoch sollte man sich irgendwann den eingewachsenen Stock aus dem Allerwertesten ziehen und über den eigenen Horizont schauen. Dann wird so manchen auffallen, dass die eigenen Kinder mit den Worten Hey du Stricher, was geht? ans Handy (die kleinen Fernseher für die Hosentasche) gehen.
Denn heutzutage gilt: Hurensohn ist nicht gleich Hurensohn. Wir sind uns alle der Bedeutung eines solchen Schimpfwortes bewusst, auch wenn man uns das nicht immer glaubt.
Wichtig ist jedoch, dass sich das Gewicht solcher Ausdrücke verändert hat. Machte es früher noch keinen Unterschied, wem man so etwas an den Kopf warf, ist das heute sehr wohl der Fall. Wenn ich meinen besten Freund mit einem Handschlag und einem Heeey Spasti! begrüße, ist das nunmal etwas vollkommen anderes, als wenn ein Rechtsextremer Kleiderschrank mit selbiger Begrüßung durch ein Migranten-Viertel marschiert.
Das Gewicht eines Ausdrucks ist immer Auffassungssache. Unsere Opas haben sich damals mit einem Griastsei, du Voll-Eumel begrüßt, was höchstwahrscheinlich wiederrum für unsere Ur-Opas ein No-Go war… usw.

Sprache entwickelt sich nunmal weiter, in Wortschatz und Stil. Und das müssen wir – die Alten aber auch die Jungen – lernen. Letztere haben in 30 Jahren sonst das selbe Problem.
Wie schon irgendein berühmter Dichter zu irgendeiner berühmten Zeit sagte:

Man muss MIT der Zeit gehen, sonst muss man mit der Zeit GEHEN.

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